Familie Goldstein
Bogenstraße 73

Stolperstein-Geschichten in Krefeld

Als Austauschjude zum Tod

Erna Goldstein, geb. Wihl lebte dort mit ihrem Mann Alfred Goldstein (1889) und dem am 8. Juni 1922 geborenem Sohn Edgar. 1935 muss Alfred Goldstein sich unvorsichtig geäußert haben und/oder denunziert worden sein, jedenfalls wurde ihm „Heimtücke“ vorgeworfen. Da das seinerzeit als politische Straftat galt, brachte er sich über die Grenze in die Niederlande in Sicherheit. Frau und Sohn folgten ihm. Die ganze Familie wurde 1939 aus dem Deutschen Reich ausgebürgert. 

Derweil starb Wilhelmine Wihl 1938 – mit 82 Jahren – einen natürlichen Tod. In der Bogenstraße wohnte noch der zweite Sohn Friedrich-Josef. Er war als Soldat im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden, vielleicht ein Grund, warum er ledig blieb. Die Schwerbehinderung wurde mit 70 % anerkannt und er bezog deswegen eine kleine Rente. Als Beruf wurde auf der Meldekarte „Metzgergeselle“ notiert. Trotz seiner Kriegsverletzung gehörte Friedrich-Josef Wihl zu den ersten Juden, die aus Krefeld deportiert wurden. Da Lodsch („Litzmannstadt“) in das Deutsche Reich eingegliedert war, gehörte auch das von den Deutschen eingerichtete Ghetto zum Deutschen Reich. Da er also Deutschland nicht verließ, hatte nach der Logik der Verwaltung der kriegsversehrte Herr Wihl weiter Anspruch auf seine Rentenzahlung – bis er am 8. Mai 1942 in Kulmhof (Chelmno) vergast wurde. 

Was das Schicksal der Familie Goldstein angeht, so hat sich durch einen überraschenden Besuch von Familienmitgliedern aus den USA das Wissen im Juli 2017 ganz wesentlich erweitert. Aus den Dokumenten, die Larry Goldstein, der Sohn von Edgar (später Heinz Jürgen noch später Harry George), und seine Frau mitbrachten, ging hervor, dass der Großvater Alfred Goldstein in Venlo eine chemische Fabrik eröffnet hatte, die er „Goldis“ nannte. Schon bald reichte der Platz in Venlo nicht mehr. Fabrik und Familie siedelten nach Hilversum um. Hier wurden sie von dem Einmarsch der Deutschen überrascht und am 19. Januar 1942 in dem zentralen Flüchtlingslager Westerbork interniert. Als die Goldsteins ankamen, wurde gerade die Zahl der Unterkünfte erweitert. Sie hatten Glück im Unglück und wenigstens eine halbwegs hinlängliche Unterbringung. Die Goldsteins arbeiteten im Lager. Von Edgar, der inzwischen in Heinz Jürgen umbenannt worden war, ist sogar aus der Phase 1943/1944 ein Foto erhalten, das ihn als Heizer im Kesselhaus des Lagers zeigt. Er posiert als muskulöser junger Mann – ganz im Gegensatz zu den  antisemitischen Stereotypen.

Aufgenommen wurde es von dem jüdischen Fotografen Rudolf Breslauer im Auftrag des Lagerkommandanten SS-Obersturmführer Albert Konrad Gemmeker. Das Fotoalbum ist als Dokument erhalten. Über den Zweck wird in der Wissenschaft gerätselt. Gemmekers Hauptaufgabe war es die Deportationen aus Westerbork in die Vernichtungslager Sobibor und Auschwitz so reibungslos wie möglich ablaufen zu lassen. Da mag der Anschein eines “normalen” Lebens im Lager hilfreich gewesen sein. Aber wozu ein Album?


Nach zwei Jahren im Lager zählten die Goldsteins zur deutsch-jüdischen „Lagerprominenz“. Aber auch sie konnten sich nicht dauerhaft vor einer Deportation schützen. Der Zielort ihrer Deportation am 13. März 1944 war jedoch das Konzentrationslager Bergen-Belsen und nicht das Vernichtungslager Sobibor. Das bedeutet, dass sie möglicherweise eine gewisse Protektion genossen. Die Goldsteins gehörten zu den sogenannten Austauschjuden, die gegen deutsche Internierte im Ausland ausgetauscht werden sollten. Ihre Lebensbedingungen in Bergen –Belsen verschlechterten sich allerdings zusehends. Alfred Goldstein starb dort am 24. Dezember 1944. In der Familie erzählte man sich, dass es gelungen war, zusätzliches Essen zu organisieren – vielleicht aus einer Weihnachtsration. Sein Körper soll so ausgezehrt gewesen sein, dass er an einem Hungerödem litt. Das Essen war unter diesen Umständen zu viel und sein Kreislauf brach zusammen. 

Die rund 7.000 Austauschjuden von Bergen-Belsen wurden zwischen dem 6. und 11. April 1945 mit drei Transportzügen in Richtung Theresienstadt verschickt. Die nationalsozialistische Regierung wollte sie als „Verhandlungsmasse“ behalten. Erna und Heinz Jürgen Goldstein waren in dem dritten, dem „verlorenen“ Zug, der vierzehn Tage lang durch Deutschland irrte, bis er bei der Gemeinde Tröbitz etwa 60 Kilometer von Dresden entfernt, stehen blieb. Die Insassen wurden am 23. April 1945 von der Roten Armee befreit. Neben den Überlebenden befanden sich 320 Tote. 

Erna und Heinz Jürgen hatten sich mit Fleckfieber infiziert. Die Krankheit konnte damals noch nicht wirksam therapiert werden, da es in der Sowjetunion noch keine Antibiotika gab. Heinz Jürgen bekam als Folgeerkrankung eine Herzmuskelentzündung, von der er sich niemals wirklich erholte. Erna Goldstein war von einem SS-Mann so grob gestoßen worden, dass eine Brust amputiert werden musste. An den Folgen der OP litt sie ihr restliches Leben lang. Nur sehr langsam kamen sie zurück in einen Alltag. Sie entschieden gemeinsam in die USA auszuwandern. Im Dezember 1949 kamen sie in New York an. 

Heinz Jürgen, nun Harry George, ging in New York noch einmal zur Schule. Im Englischkurs für Ausländer lernte er eine junge Jüdin aus Ungarn kennen. Miriam Roth hatte Auschwitz überlebt – im Gegensatz zum größeren Teil ihrer Familie. 
Die beiden zogen nach Los Angeles, die Mutter blieb immer in der Nähe. Sie heirateten. Im November 1953 wurde Tochter Elisabeth Joy (Lisa) Goldstein geboren. Erna Goldstein starb am 10. August 1956 und lernte ihren Enkel Larry, der 1957 geboren wurde, nicht mehr kennen. Auch Harry wurde nicht sehr alt. Er starb am 24. Mai 1974 in Los Angeles an Herzversagen. 
Elisabeth-Lisa wurde Schriftstellerin und flocht das Erleben der ungarischen Seite der Familiengeschichte in ihren ersten Roman “Der Rabbi und der Magier. Ein Märchenroman aus der Zeit des Holocausts” ein. Diese deutsche Ausgabe erschien 1985. 

Thekla Scheuer geb. Wihl war die einzige aus der großen Familie, die nach dem Krieg dauerhaft nach Krefeld zurückkehrte. Sie hatte das Lager Theresienstadt überlebt und zog wieder in ihr Elternhaus ein. 1945 war Thekla Scheuer  61 Jahre alt. Ihren Mann Nathan Scheurer hatte sie am 13. Februar 1944 in Theresienstadt  verloren. Ihre Kinder lebten in Mexiko und in den USA (Kalifornien).
Das Haus an der Bogenstraße war seit 1942 vom Finanzamt verwaltet worden. Die Auseinandersetzung um die Rückgabe dauerten bis 1955 und endeten damit, dass Thekla Scheuer, die nicht nur ihren Mann, sondern auch zwei ihrer vier Geschwister  durch den Judenmord verloren hatte, dem Finanzamt in monatlichen Raten Geld zurückzahlen musste, das angeblich für wertsteigernde Ausgaben verbraucht worden war. 
Thekla Scheuer starb 1962 und ist neben ihren Eltern auf dem neuen jüdischen Friedhof bestattet worden. 

Für Nathan Scheuer ist in Bonn-Beul ein Stolperstein verlegt worden. Im Gegensatz zu Krefeld, wo Steine für Ehegatten und Kinder mitverlegt werden, hat er den einzigen Stolperstein an dieser Stelle. 

Zu weiteren Familienmitgliedern:
Hedwig Wihl hatte 1903 nach Dortmund geheiratet. Ihr Mann war der Metzgereiartikelhändler Albert Schwarz (1875 – 1943). Er arbeitete in einem Geschäft des Krefelder Unternehmens Kamp, weil er über seine Mutter verwandtschaftliche Bindungen zur Familie Kamp hatte. Im Zuge des Novemberpogroms war Albert Schwarz in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt worden. Nach seiner Entlassung flohen die Eheleute Schwarz in die Niederlande. Ihre Tochter Herta (1903) hatte nach Brüssel geheiratet und lebte in Belgien. Der Sohn Heinz (1913) war 1938 mit seiner Frau illegal nach Palästina eingereist. 
Zunächst kamen Hedwig und Albert Schwarz bei einem Neffen Alberts in Sittard unter. Er hieß Philip Silbernberg (mehr in dem Kinderbuch von Herman Silbernberg, Jochie… je Moet Er Trots Op Zijn. Spelend De Oorlog Door, Laren 1995). Nachdem diese Familie untergetaucht war, zogen Hedwig und Albert Schwarz in das Haus des Gemeindevorstehers Herman Wolff. Dort fanden sie jedoch nicht den erhofften Schutz vor Verfolgung. Sie wurden in April 1943 in das Konzentrationslager Vught gebracht und über das Sammellager Westerbork am 16. November 1943 nach Auschwitz deportiert. Beide starben am 19. November 1943 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. 
Für Albert und Hedwig Schwarz wurden am 8. November 2014 Stolpersteine im niederländischen Sittard – Geleen gelegt. 

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