Goch-Kessel

Der alte Bunker

So versteckt, dass man ihm leicht übersehen kann, liegt in Goch-Kessel ein alter Bunker an einer Nebenstraße. Es handelt sich um eines der nördlichsten Überbleibsel einer deutschen Verteidigungslinie. Sie wurde insgesamt „Westwall“ genannt, hier im Norden hieß sie „Geldernstellung“. Die Alliierten nannten den Westwall „Siegfried-Linie“.

Die „Geldernstellung“ wurde in den Kriegsjahren nicht wie geplant ausgebaut. Das Baumaterial war knapp. Es fehlte an Arbeitskräften. Ob die Linie aus Bunkern und anderen Abwehrstellungen tatsächlich eine militärische Bedeutung bei dem Vormarsch der Alliierten am Niederrhein im Februar 1945 hatte, ist zweifelhaft. Nach dem Krieg sollte der Bunker gesprengt werden. Zerstört wurde er dabei aber nicht.

Die Geschichte des Bunkers in Goch

Der fest verschlossene Westwall-Bunker, der heute noch in Goch-Kessel an der Straße „Zum Horn“ steht, ist ein Bunker des Typs „Regelbau 102 V“. Er wurde für die sogenannte „Geldernstellung“ errichtet. Solche Befestigungslinien haben eine lange Tradition. Am Niederrhein gibt es viele Reste so genannter Landwehren. Sie sind stumme Zeugen dafür, dass diese Gegend in den vergangenen Jahrhunderten häufig heftig umkämpft war.

Nach dem Ersten Weltkrieg war dem Deutschen Reich zunächst der Bau militärischer Anlagen durch den Versailler Vertrag verboten, jedenfalls im Westen. Ende der 1930er Jahre wurde aber der Ruf laut, die deutsche Westgrenze, ähnlich wie es die Franzosen auf der anderen Seite schon getan hatten, durch eine Befestigungslinie zu sichern.

1936 zog die Wehmacht ins Rheinland ein. Das war ein klarer Bruch der Abmachungen nach dem Ersten Weltkrieg. Die Franzosen und Briten protestieren aber nur verhalten. Die Deutschen fühlten sich dadurch ermutigt und begannen ab dem Jahr 1937 mit dem Bau von festen Anlagen und Grenzbefestigungen. Im März 1938 erließ Hitler den „Befehl zum beschleunigten Ausbau der Befestigungszone“, der eine Reihe von umfangreichen Bauprogrammen zur Folge hatte.

Es entstand eine Befestigungslinie, die schließlich über 630 Kilometer von der Schweizer Grenze bis nach Kleve reichte. Sie wurde in Deutschland „Westwall“ genannt. Die Alliierten gaben ihr irgendwann den Namen „Siegfried-Linie“. Der „Westwall“ diente neben militärischen auch bewusst außenpolitischen Zielen. Mit erheblichem propagandistischen Aufwand wurde er als unüberwindlich dargestellt, was im Ausland nicht unbeachtet blieb. Amerikaner und Briten machten sich während des Krieges Mut mit dem damals recht populärem Song „We’re Going to Hang out the Washing on the Siegfried Line“.

Auf den ersten Blick waren die reinen Zahlen tatsächlich beeindruckend. Insgesamt entstanden zwischen Mai 1938 und September 1939 etwa 14 000 Bunker, Kampfstellungen und Unterstände. Dazu kamen umfangreiche Panzerabwehranlagen.

8 Millionen Tonnen Zement, das waren 20 % der Jahresproduktion und 1,2 Millionen Tonnen Eisen, das waren 5 % der Jahresproduktion, wurden verbaut.

Die ersten Anlagen errichteten private Firmen. Bei der Ausführung der späteren Bauprogramme kamen Einheiten des Reichsarbeitsdienstes, der Festungspionierstäbe des Heeres sowie der Organisation Todt zum Einsatz. Außerdem, nach Kriegsbeginn, noch zahlreiche Zwangs- und Fremdarbeiter.

Der gesamte Aufwand an Personal und Material war so riesig, dass fast die gesamte sonstige Bautätigkeit im Reich zum Erliegen kam. Die Kosten von rund 3,5 Milliarden Reichsmark überlasteten den Reichshaushalt.

Auf der anderen Seite war der militärische Nutzen eher zweifelhaft. Für jedes einzelne Bauprogramm wurden „Regelbauten“ geplant, die von Programm zu Programm stärkere Mauern erhielten und auch noch mehr Platz für die Besatzungen boten. Die notwendigen Panzerteile und Bewaffnungen konnten jedoch infolge Rohstoffmangels oftmals gar nicht oder nur in minderer Qualität eingebaut werden.

Nach Beginn des Krieges bis zum Ende des Westfeldzugs im Jahre 1940 kamen die Anlagen des Westwalls kaum noch zum Einsatz. Danach wurden Bewaffnung und Einrichtung meist demontiert. Teilweise dienten die Bunker nun als Lagerräume.

Nach der alliierten Landung in der Normandie im Juni 1944 wurde versucht, die Anlagen wieder einsatzbereit zu machen. Dies gelang aber nur teilweise. Als die alliierten Truppen die westliche Reichsgrenze erreicht hatten, kam es zu heftigen Kämpfen um den Westwall, hauptsächlich bei Aachen und in der Eifel. Die Anlagen konnten die Alliierten aber nicht wesentlich aufhalten. Die Bunker waren für ihre moderne Waffen kein Hindernis.

Doch nun zurück zur Geldernstellung: Die Geldernstellung entstand in den Jahren 1939 und 1940. Sie sollte den Westwall, der ursprünglich nur bis Brüggen im heutigen Kreis Viersen reichte, bis Kleve fortsetzen. Die Militärs fürchteten nämlich, dass die Alliierten unter Missachtung der niederländischen Neutralität den Westwall von Norden her umgehen könnten. Ursprünglich waren für die Geldernstellung 400 Bunker geplant. Es wurden tatsächlich aber nur 144 gebaut.

Der Regelbau 102 V ist etwa vierzehn mal elf Meter groß. Er hat zwei Bereitschaftsräume, in die jeweils fünfzehn Betten eingebaut waren. Betreten konnte man die Bunker durch zwei Zugänge. Die Mauern hatten eine Stärke von zwei Metern. Auf der sogenannten Feindseite wurde die Mauerstärke auf drei Meter erhöht.

Vom 17. bis 20. Februar 1945 gab es um Goch heftige Kämpfe. Goch galt bei den Alliierten als „Zentrum der Siegfriedlinie“. Sie machten sich aber völlig falsche Vorstellungen von der Stärke des Westwalls im Raum Goch. Es gab hier nur rund ein Dutzend Bunker, die meisten von ihnen reine Mannschaftsunterstände. Inwieweit sie damals in das Kampfgeschehen einbezogen waren, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Bald nach der Einnahme Gochs am 20. Februar wurden die Bunker von britischen Pionieren gesprengt.

Neben diesem Bunker sind in der Umgebung von Goch noch drei Bunker des Typs Regelbau 102 V erhalten. Sie stehen am Boekelter Weg, an der Hassumer Strasse sowie an der Hommersummer Straße. Sie sind jedoch alle verschlossen und innen nicht zu besichtigen.


Sprecher: Wolfgang Reinke
Autor: Burkhard Ostrowski
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Der alte Bunker
Der Kessel befindet sich in der Nähe des Hauses "Zum Horn 29"

Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln:
Vom Bahnhof Goch fährt in der Woche die Buslinie 11 nach Goch.Kessel, teilweise nur als Taxi-Bus, so dass man die 13 Kilometer besser mit dem Rad fährt.
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