Antisemitismus in Zeiten des Corona- Virus

VON SOPHIE STÖBE, PRAKTIKANTIN IN DER VILLA MERLÄNDER

In Zeiten des „social distancing“ gewinnen digitale Medien eine immer größere Bedeutung. Viele davon positiv – sie verhelfen Familien und Freunden dazu trotz der Kontaktbeschränkungen einander über Skype, Zoom oder ähnliche Plattformen nah zu sein. Auch bieten soziale Netzwerke, wie Facebook die Verständigungsebene für Nachbarschaftshilfe und weitere Aktionen, die Solidarität in diesen Zeiten ausdrücken. Gleichzeitig bedeutet diese Vernetzung eine nahezu ungeahnte Reichweite und Machtposition für Hass, Hetze und Verschwörungstheorien, die im Netz vermehrt kursieren. Auch eine allgemeine Verunsicherung in der Bevölkerung scheint sich breit zu machen.

Dies zeigt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Forsa, mit 1.500 Teilnehmer*innen. Dabei geben 51,2 % der Befragten an verunsichert zu sein und 19,1% sagen von sich selbst „sehr verunsichert“ zu sein. Gleichzeitig schätzen 18,9 % der Befragten das Virus, mit all seinen Begleiterscheinungen für sich persönlich, als sehr gefährlich ein, weitere 45,2% zumindest als gefährlich (Studie der Akkon Forsa zu finden unter https://www.akkon-hochschule.de/files/akkon/downloads/publikationen/2020-04-02-Zwischenbericht_Akkon_Studie.pdf  (25.04.2020 12.18 Uhr)) .

Verschwörungstheorien während Corona

Die Verunsicherung der Bevölkerung ebnet wissenschaftlich nicht haltbaren Verschwörungstheorien, wonach angeblich in geheimen Laboren das Virus zusammengemischt wurde, den Weg. Dazu stellte das Pew Research Center in den USA in einer Studie mit 8.914 Befragten fest, dass knapp 30% der Amerikaner glauben, dass das neuartige Sars-CoV-2 von Menschenhand entwickelt worden sei. Bei jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren lag dieser Wert mit 35% sogar noch ein wenig höher (RP vom 16.April 2020 im Artikel „Das Virus kommt nicht aus dem Labor“ von Phillip Jacobs). Dabei haben Wissenschaftler des Scripps-Research-Instituts in LaJolla (Kalifornien) bereits Mitte März in einer in einer Studie darauf hingewiesen, dass Sars-CoV-2 ein Produkt natürlichen Ursprungs ist. Um dies nachzuweisen analysierten sie im Besonderen das sogenannte Spike-Protein auf der Oberseite des Virus. Dieses Protein ist für die Bindung an die Wirtszelle verantwortlich. Diese Bindung an die Wirtszelle geschehe dabei so effektiv, dass dafür nur ein natürlicher Selektionsprozess infrage kommt und nicht eine genetische Manipulation im Labor, so die Wissenschaftler.

Alle Verschwörungstheorien funktionieren erst mal nach dem gleichen Prinzip. Am Anfang jeder Verschwörungstheorie steht immer das Misstrauen gegenüber der Regierung, einer bestimmten Gesellschaftsgruppe etc. Die Gruppe der hier misstrauisch gegenüber gestanden wird ist häufig, aber nicht immer eine vergleichsweise mächtige Gruppe, wie ein Geheimdienst. Es gibt aber auch Verschwörungstheorien gegenüber ethnische und religiöse Gruppen. Eine Verschwörungstheorie ist stets monokausal. Das bedeutet, dass bestimmte soziale Phänomen oder historische Erkenntnisse auf Verschwörungen zurückgeführt werden. Zentral ist dabei die Idee, dass hinter allen Entwicklungen der Welt ein geheimer Plan steckt, dass also alles was auf unserem Planeten geschieht nicht zufällig ist und alles auf eine verdeckte Art und Weise mit einander zusammenhängt. Durch diese konstruierte Voraussetzung werden komplexe Sachverhalte und deren Ursprünge vereinfacht erklärt werden und dadurch weniger bedrohlich wirken. Durch einfache Erklärungsmodelle können unverständliche, unwirkliche und vielleicht unbegreifliche Situationen aufgelöst werden, wodurch die Anhänger ein Gefühl der Kontrollzurückgewinnung erhalten. Es handelt sich also um Hilfsmechanismen des Gehirns, um als überwältigend empfundene Situationen zu verarbeiten. Besonders gefährlich sind Verschwörungstheorien dadurch, dass die Anhänger*innen schwer zugänglich für andere Meinungen oder gar wissenschaftliche Belege sind. Fakten, die die vereinfachten Erklärungsmuster angreifen, werden diskreditiert oder grundsätzlich abgelehnt. Um darzustellen, dass es sich bei diesen Verschwörungen nicht um wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse handelt wird in der Forschung mittlerweile von „Verschwörungshypothesen“, „Verschwörungsidelogien“ oder „Verschwörungsmythos“ gesprochen (Landeszentrale für politische Bildung BW: Eintrag zu Verschwörungstheorien zu finden unter: https://www.lpb-bw.de/verschwoerungstheorien#c45623 (25.04 15.58)).

Verschwörungstheoretiker sehen "Jüdische Weltverschwörung"

Bezogen auf das Corona-Virus haben einige Verschwörungstheoretiker eine antisemitische Grundeinstellung und sehen eine „jüdische Weltverschwörung“ als die Ursache des Virus an bzw. sie glauben das Juden für den Ausbruch bzw. die Verbreitung verantwortlich sind. So werden alte Feindbilder neu zurechtgebogen. Dies zeigt unter anderem ein Fall in der Bamberger Altstadt, dort wurde an einem Brunnen ein Pappschild aufgestellt auf welchem zu lesen war „Corona-Virus heißt Judenkapitalismus“ (Tagesschau „alte Feindbilder zurechtgebogen“ von Joseph Röhmel und Sabina Wolf zu finden unter: https://www.tagesschau.de/investigativ/br-recherche/corona-antisemitismus-101.html 28.04.2020 17.25 Uhr). Dazu passt auch die Erkenntnis  des Verfassungsschutzes, wonach Rechtsextremisten davon überzeugt sind, dass das Virus von jüdischen Eliten heraufbeschworen wurde. Im Mittelpunkt stehen dabei jüdische Multimillionäre, Milliardäre und Unternehmer, wie etwa der US-Amerikaner Georges Soros. In einer Pressemitteilung des Verfassungsschutzes heißt dazu: „Insbesondere die Person Soros wird von Rechtsextremisten häufig als eine Art Codeelement verwendet, um die Elitenkritik mit der Behauptung einer vermeintlich jüdischen Weltverschwörung zu verknüpfen.“
Was dabei aber klar sein muss ist, dass es sich dabei nicht nur um Verschwörungsideologien sondern um Volksverhetzung und Aufrufen zur Verletzung von jüdischen Menschen handelt. Dabei handelt es sich um einen ganz klaren Strafbestand. Dies machte zum Beispiel der Psychologe Ahmad Mansour, welcher seit Jahren Extremisten beobachtet, in einem Gespräch mit der Tagesschau sehr deutlich. Im Weiteren erklärte Monsour warum abermals Verschwörungsideologien, die jüdische Menschen in einer angeblichen Verantwortung sehen, so weit verbreitet sind: „Es wird versucht, ein Feindbild zu verbreiten, das die Menschen schon kennen. Und deshalb sind diese Feindbilder sehr beliebt und sehr verbreitet – online wie auch offline.“

 

Alexander Rasumny vom Bundesverband der Recherche und Informationsstellen Antisemitismus in Berlin äußerte sich zu den Hassbotschaften folgendermaßen: „Das ist etwas, was wir schon aus der Geschichte des Antisemitismus kennen – dass in Zeiten, wo eine Krankheit besonders stark grassiert, sehr häufig Schuldige und einfache Erklärungsmuster gesucht werden, die auf eine angebliche jüdische Allmacht projiziert werden.“

 

Ein Beispiel für die Krankheiten von denen Rasummy spricht sind zum Beispiel SARS oder auch HIV. Auch die frühere Vorsitzende des Zentralrates der Juden und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Charlotte Knobloch äußerte sich ähnlich gegenüber der Tagesschau: „Krisenzeiten waren schon immer Hochzeiten des Judenhasses“ Sie ging sogar noch einen Schritt weiter und sagte: „Absurde Verschwörungstheorien im gegenwärtigen Klima der Unsicherheit fast schneller als der Erreger selbst: Gegen sie hilft keine Ausgangssperre.“Das Virus des Antisemitismus müsse politisch und gesellschaftlich eingedämmt werden, „sonst werden wir auch nach Corona immer wieder neue Ausbrüche erleben.“ Der Initator des jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus  Levi Salomon resümierte: „Israel, Amerika, Gates, Soros und der „Weltregierung“ wird die Schuld am Corona-Virus gegeben.“, er folgerte draus „Verschwörungstheoretisches Denken und Antisemitismus gehen Hand in Hand.“, und forderte daher, „Kein Platz für Verschwörungstheoretiker und geistige Brandstifter!“ (Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus: „Antisemitismus – weiter verbreitet als Corona?“ zu finden unter https://jfda.de/blog/2020/03/13/antisemitismus-weiter-verbreitet-als-corona/ (17.06.2020 11.55 Uhr))

Übergriffe auf Juden

Juden werden nicht „nur“ auf der Straße und im Internet diskriminiert. Rechtsextreme drangen in den letzten Wochen rund um den 20. April, den Geburtstag Hitlers, in mindestens vier Gebet und Torastunden, die über Zoom abgehalten wurden, ein. Unter Nicknames wie „Hitler“ zeichneten diese Personen Hakenkreuze auf die Bildschirme oder schrien „Jude,Jude!“. Der Frankfurter Gemeinderabbi Apel berichtete der Jüdischen Allgemeinen über die Folgen dieses Übergriffs: „Man hat das Gefühl, dass jemand in die eigene Intimsphäre eindringt. Als Moderator kann ich das verkraften, aber die Teilnehmer*innen fühlten sich von Nazis bedroht, viele konnte es nicht gleich verkraften. Das ist hart. Wir mussten mit vielen anschließend Gespräche führen.“(Jüdische Allgemeine: „Gebet und Torastunde gestört“ Ayala Goldmann zu finden unter https://www.juedische-allgemeine.de/politik/gebete-und-torastunden-gestoert/ 29.04.2020 16.59 Uhr)

Alba resümierte in dem Interview im weiteren: „In der letzten Zeit hatte ich das Gefühl, dass alle mit Corona beschäftigt sind, dass wir alle gleich sind. Ich habe von Antisemitismus kaum etwas gemerkt. Und dann passiert so etwas am Abend von Jom Haschoa. Genau das Gegenteil von dem, was man sich wünscht.“ Leider blieb es nicht bei diesem einen Übergriff. In Leipzig übernahmen Neo-Nazis die Übertragung des Malariagebiets von Rabbiner Sollt Balls am Montagabend den 20.04. in der Synagoge von Leipzig sowie eine Veranstaltung der Rhaudermoor Scholl in Berlin. Der Rabbiner Bella sagte, dass er geistesgegenwärtig die Übertragung abgebrochen habe, als ein Teilnehmer unter dem Nickname „Hitler“ den Chat betrat und fragte „Are you Jewish?“ Bella kündigte aus diesem Grunde an, in Zukunft die Zugangsdaten für die Zoomkonferenzen nicht mehr zu veröffentlichten und sagte: „Jetzt sind wir noch vorsichtiger als vorher.“ Laut der Anti-Defamation League sei es in den letzten Wochen vermehrt zu Vorfällen dieser Art gekommen. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sagte gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, dass sich alle Befürchtungen bestätigt haben, dass Rechtsextreme die Coronalage für ihre ideologischen Ziele ausnutzen.

Bereits Anfang April hatte der britische Community Security Trust (CST) eine Liste mit Sicherheitsempfehlungen zum Live-Streaming erstellt. Gemeinden sollten beispielsweise darauf achten, wo sie die Einladungen und Passwörter für die Meetings posten. Gemeindemitglieder sollen demnach direkt eingeladen werden, da es sicherer ist als die Meetings öffentlich anzukündigen. Dies bedeutet aber im Umkehrschluss, dass nicht Gemeindemitglieder nicht teilnehmen können und ihnen dadurch die Möglichkeit verwehrt wird, im Glauben in diesen schweren Zeiten halt zu finden. Dazu heißt es von CST, die Gemeinden sollen dafür die richtige Balance finden.