Kempen

Der jüdische Friedhof

Der jüdische Friedhof in Kempen wurde im Jahr 1809 angelegt. Damals gab es eine jüdische Gemeinde, die aus 32 Personen bestand. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden es immer mehr, so dass es notwendig wurde eine eigene Synagoge zu bauen. Auch eine jüdische Schule wurde gegründet.

Besonders eine Familie, die Kounens, spielten in Kempen eine wichtige Rolle. Isaak Kounen war ein reicher Seidenfabrikant. Er war gleichzeitig Vorsteher der Gemeinde und Mitglied des Stadtrates. Für seine Familie stellten die Steinmetze die größten Grabsteine auf. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die jüdische Gemeinde in Kempen wieder kleiner, zunächst durch freiwillige Abwanderung. Während der NS-Zeit wurden die Kempener Juden deportiert und die meisten ermordet.

Bemerkenswert ist ein neues Grab. Es ist das von Kurt Mendel. Er überlebte die Verfolgung und kehrte an den Niederrhein zurück. An Max Mendel, der im KZ Auschwitz starb, erinnert seit kurzem ein kleiner Stein.

Kempen - Der jüdische Friedhof

Etwas versteckt am Ortsrand von Kempen, einige Schritte von der Oedter Straße entfernt, liegt ein alter jüdischer Friedhof. Dass sich hier in den letzten Jahren etwas getan hat, ist schon am Eingangsbereich zu erkennen. Die Mauer ist neu. Und auch eine Tafel, die etwas zu den historischen Hintergründen des Friedhofes erklärt.

Die ganze Anlage steht nämlich seit 2003 unter Denkmalschutz. Im Jahre 2009 wurden die Grabmale, die zum Teil erhebliche Schäden hatten, vorsichtig restauriert. Das Eingangstor ist normalerweise geschlossen, so dass nur der Blick von außen möglich ist.

Man erkennt auf der linken Seite ein relativ neues Grab aus dem Jahr 2007. Es ist die Ruhestätte von Kurt Mendel aus St. Hubert. Er hatte den Judenmord überlebt und war in seinen Heimatort zurückgekehrt. Der kleinere Stein davor ist der Grabstein von Herbert Mendel und gleichzeitig eine Erinnerung an Maximilian Mendel, seinen Vater. Herbert war im Alter von fünf Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Sein Vater war zu diesem Zeitpunkt nach Auschwitz deportiert worden. In der Familie erzählte man sich, dass Max Mendel ein persönliches Opfer des damaligen Parteichefs in St. Hubert geworden sei. Der wollte nämlich den Ort durch die Deportation des einzigen Juden „judenfrei“ haben.

Der Friedhof ist insgesamt nicht so alt wie man denken sollte. Eigentlich ist nämlich nachgewiesen, dass bereits im Mittelalter eine jüdische Gemeinde in Kempen existierte. Alte Aufzeichnungen berichten, dass es im Jahre 1290 zu einem Pogrom kam, dem mehrere Gemeindemitglieder zum Opfer fielen. Wo diese bestattet wurden, weiß niemand. Auch für die folgenden Jahrhunderte finden sich Hinweise auf in Kempen lebende Juden. Es kam aber immer wieder zu Verfolgungen und Vertreibungen, so dass schließlich alle Juden den Ort verlassen hatten.

Erst im Jahre 1809, zu der Zeit, als das linksrheinische Gebiet zu Frankreich gehörte und Juden von auswärts zuwandern durften, bildete sich eine neue jüdische Gemeinde. Sie zählte damals 32 Personen. Die Gemeinde ließ diesen Friedhof anlegen. Neben dem Friedhof gab es einen Betraum im Ort, seit 1826 auch eine jüdische Privatschule. Die Zahl der Gemeindemitglieder nahm stetig zu. Um das Jahr 1850 wurde an der Umstraße / Ecke Donkwall eine Synagoge errichtet. In einem benachbarten Haus fand die jüdische Schule Platz. Dort wohnte auch der Lehrer. Das war eine gute Zeit für das Judentum in Kempen.

Ähnlich wie in den anderen kleinen jüdischen Landgemeinden am Niederrhein ging die Zahl der Mitglieder seit dem Ende des Ersten Weltkrieges stetig zurück. Viele zogen in die größeren Städte oder gingen gleich ins Ausland, weil sie den wachsenden Antisemitismus in Deutschland fürchteten.

Während der Pogromnacht im November 1938 wurde die Kempener Synagoge von der ortsansässigen SA zerstört. Das Ende kam im Juli 1942, als die restlichen siebzehn Kempener Jüdinnen und Juden über Krefeld und Düsseldorf nach Theresienstadt deportiert wurden. Seit dem gibt es in Kempen keine jüdische Gemeinde mehr.

Auch der Friedhof überstand die Zeit des Nationalsozialismus nicht unbeschadet. Ein Teil der Steine wurde entfernt. Nach dem Krieg kümmerte sich niemand so richtig um das Gelände. Fast eine Generation später wurden die noch gebliebenen Zeugnisse des Judentums von öffentlichem Interesse. Anfang der 1970er Jahre wurde der jüdische Friedhof von der Stadt wieder hergerichtet. Zuvor, 1968, waren 25 Tote des Oedter jüdischen Friedhofs nach Kempen umgebettet worden. Dieser Friedhof wurde wegen der Ausweitung des Werksgeländes der Firma Girmes aufgelöst – mit Zustimmung des jüdischen Landesverbandes Nordrhein.

Heute befinden sich – außer den bereits erwähnen Mendel-Grabsteinen – auf diesem Friedhof Steine aus der Zeit zwischen 1845 und 1939. Es sind insgesamt 94, 18 davon stammen aus Oedt. Der älteste Grabstein erinnert an Salomon Kounen und ist aus dem Jahre 1845. Er trägt ausschließlich eine hebräische Inschrift, wohingegen die meisten der späteren Grabsteine auf der Vorderseite eine hebräische und auf der Rückseite eine deutsche Inschrift tragen, so dass man die Texte, die die Verdienste der Verstorbenen würdigen, auf jeden Fall lesen kann.

Im Hintergrund des Friedhofes fallen fünf Grabsteine schon allein wegen ihrer Größe auf. Die wuchtigen Granitstelen erinnern ebenfalls an Verstorbene der Familie Kounen. Die beiden rechten sind Ester (1816 – 1894) und Isaac Kounen (1810 – 1886) gewidmet, einem kinderlosen Ehepaar. Gefertigt wurden sie von Adam Wolff aus Krefeld, dem einzigen jüdischen Steinmetz weit und breit. Isaac Kounen war Besitzer einer Seidenmanufaktur und zu seiner Zeit der reichste jüdische Bürger Kempens, außerdem lange Jahre Stadtverordneter und Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Dass er ein frommer Mann war, erkennt man an dem langen hebräischen Lobetext. Solche waren Ende des 19. Jahrhunderts schon nicht mehr üblich.

Auch die acht Jahre jüngere Stele für seine Frau ist in diesem Sinne bemerkenswert. Der Text betont Frömmigkeit und Mildtätigkeit der guten Gattin. Aus den Zeilen: „Das Haar ihres Hauptes verbarg sie züchtig, dass es sich nicht beim Ausgehen zeigte“ ist zu entnehmen, dass Ester Kounen außer Haus eine Perücke über dem eigenen Haar trug. Dies ist bis heute bei strenggläubigen Jüdinnen üblich. Dass Ester Kounen eine ganz besondere Frau gewesen sein muss, hob der Autor hervor, in dem er die Herkunft Esters aus dem Stamm der Priester, der Kohanim betont. Er versteigt sich sogar zu dem Titel „Kohenet“ übersetzt „Priesterin“, was ziemlich einmalig ist.

Hier finden Sie den Sprechtext „Kempen – Der jüdische Friedhof“.

Sprecher: Wolfgang Reinke
Autor: Burkhard Ostrowski
Dieser Text darf zu privaten Zwecken gerne kopiert werden. Zur Veröffentlichung an anderer Stelle ist das Einverständnis des Autors einzuholen.

Weiterlesen:
Detaillierte Beschreibungen aller Steine und Übersetzungen der hebräischen Texte in der epigrafischen Datenbank beim www.steinheim-institut.de. Der vollständige Text zu Ester Kounen findet sich unter: www.steinheim-institut.de

Michael Brocke und Hartmut Mirbach, Grenzsteine des Lebens. Auf jüdischen Friedhöfen am Niederrhein, Duisburg 1988.

Friedhelm Weinforth, Geschichte der jüdischen Gemeinde Kempen, in: Gerhard Rehm (Redaktion), Geschichte der Juden im Kreis Viersen (=Schriftenreihe des Kreises Viersen 38), Viersen 1991.

Der jüdische Friedhof
Grünkesweg / Ecke Breslauer Straße 47906 Kempen
Öffnungszeit: Der Friedhof ist geschlossen. Absprachen mit dem Friedhofsamt Kempen sind jedoch möglich: Tel 02151-917-0.

Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Vom Bahnhof Kempen fährt die Buslinie 066 in Richtung Süchteln / Busbahnhof die Haltestellen Lindenweg und Lingen an, der Grünkesweg liegt ungefähr in der Mitte. Unter der Woche gibt es immerhin einen Stundentakt (XX:01 Uhr).