Ein älterer Mann mit Sonnenbrille schaut in die Kamera, im Hintergrund hält jemand einen Stolperstein hoch.
Foto: Der Oberbürgermeister, NS-Dokumentationsstelle

Willi Claessen
10. April 1935 – 11. Dezember 2025

Ein Nachruf der Historikerin Irene Feldmann, freie Mitarbeiterin der NS-Dokumentationsstelle Krefeld und Leiterin der Aurel Billstein Geschichtswerkstatt

Der nachfolgende Nachruf wurde durch unser Team-Mitglied Irene Feldmann auch im Namen des Villa Merländer e.V. -Vorstandes verfasst. Willi Claessen war ein hoch geschätztes Mitglied des Vereins, ein toller Unterstützer unserer Arbeit und ein freund des Hauses. Wir werden ihn sehr vermissen.

„Der folgende Nachruf ist keine Würdigung Willi Claessens als öffentliche Person oder Funktionsträger, des überzeugten Sozialdemokraten und engagierten Gewerkschafters. All diese Rückblicke sind in den letzten Wochen bereits erschienen. Meine ganz persönlichen Abschiedsworte versuchen vielmehr, den Menschen Willi Claessen zu beschreiben, der nicht nur für mich als Historikerin, sondern auch in meinem Leben eine besondere Rolle gespielt hat.

Willi Claessen war Mitbegründer und Spiritus Rector der Gewerkschaftlichen Geschichtswerkstatt Aurel Billstein bei der IG Metall Krefeld. Die Geschichtswerkstatt konstituierte sich 1996 und damit noch im Todesjahr Aurel Billsteins, des großen Krefelder Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus, der seit 1919 Metallgewerkschafter war und nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben in zahlreichen Publikationen Verfolgung und Widerstand in Krefeld und am Niederrhein während der NS-Zeit erstmals umfassend dokumentierte. Die Aurel Billstein Geschichtswerkstatt bewahrt das Andenken ihres Namenspatrons und widmet sich der Fortführung seines Lebenswerks.

Niemand vermochte besser als Willi, eng mit Aurel verbunden und so Zeitzeuge ersten Ranges, den Freund zu charakterisieren, den weiten Blick des bekennenden Kommunisten, sein großes Herz auch für jene Mitstreiter gegen Diktatur und Nationalismus, die seine Weltanschauung nicht teilten, seinen Humor, aber auch seine Ecken und Kanten.

Mein erstes Engagement für die IG Metall Krefeld datiert aus dem Jahr 2016: Ich sollte die Veranstaltungen zum 125-jährigen Jubiläum der deutschen und Krefelder Metallarbeiterverbände gestalten und begleiten. Daraus ergab sich die Aufgabe, die Arbeit der Geschichtswerkstatt neu zu beleben. Als Wirtschafts- und Sozialhistorikerin wusste ich vieles über die Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, auch über ihre Variante vor Ort. Wenig wusste ich dagegen über den modernen Gewerkschaftsalltag, die Schlagworte Strukturwandel, Transformation und Globalisierung waren Begriffe, deren Diskussion ich vor allem in der Literatur und über die Medien verfolgte.

Willi übernahm meine fachliche und menschliche Einführung, in ihm fand ich einen Brückenbauer zwischen Vergangenheit und Gegenwart, er wurde mein Mentor – und mehr noch, er wurde für mich zur gewerkschaftlichen Vaterfigur. Auf meine respektvoll und leicht beklommen gestellte Anfängerfrage, ob ich ihn denn nun mit seinem Vornamen und dem gewerkschaftlichen „du“ anreden sollte, kam die ebenso lakonische wie verschmitzte Antwort: „Ja, wat denn sonst?“

Als ich zu meinem ersten historisch-gewerkschaftlichen Wochenseminar antrat, verspürte ich trotz mehrjähriger Erfahrung in Forschung und Lehre doch eine gelinde Nervosität. Der erste Teilnehmer, der mir am Montagmorgen entgegenkam, war – kein anderer konnte es sein – Willi, der alle Bedenken einfach weglächelte. Auch er hatte ja beträchtliche Seminarpraxis und gab mir großherzig wie immer von seiner Souveränität ein gutes Stück mit auf den Weg.

Mit besonderem Interesse verfolgte Willi von Beginn an meine Stadtrundgänge. So absolvierte er mit mir den Probelauf zur ersten und einzigen Arbeitersiedlung Krefelds an der Ulmenstraße tief im Süden der Stadt und führte mich vor die Tore des Stahlwerks. Hier ließ der mitreißende Geschichts- und Geschichtenerzähler die Anfänge und die große Zeit der Krefelder Stahlindustrie, die die alte Textilstadt aus einer ersten Strukturkrise an der Schwelle zum 20. Jahrhundert errettete, noch einmal lebendig werden.

Noch im Oktober 2025 erschien Willi unangemeldet und völlig unerwartet zum Stolpersteinrundgang der Aurel Billstein Geschichtswerkstatt, der das Schicksal der Zeugen Jehovas in Krefeld während der NS-Diktatur zum Thema hatte. Der Rundgang basiert auf der Dokumentation Aurel Billsteins über diese von der historischen Forschung immer noch vernachlässigte Opfergruppe des Nationalsozialismus und war eine Kooperationsveranstaltung der Geschichtswerkstatt mit der NS-Dokumentationsstelle der Stadt Krefeld in der Villa Merländer, deren Team ich als freie Mitarbeiterin ebenfalls angehöre. Letzte Station der Führung war das ehemalige Haus Aurel Billsteins, das ganz in der Nähe der Stolperstein-Route an der Alten Flur in Oppum liegt. Willi war an diesem Tag schon von schwerer Krankheit gezeichnet, die Leidenschaft aber, mit der er noch einmal Aurels Lebenswerk und die gemeinsame Arbeit mit dem Freund schilderte, war wach und ungebrochen wie eh und je. Am nächsten Morgen haben wir zum letzten Mal miteinander telefoniert.

Am Schluss meiner Erinnerungen darf nicht unerwähnt bleiben, dass mich Willi Claessen als Musikliebhaber und begeisterter Sänger auch mit dem Liedgut der Arbeiterbewegung vertraut machte. Sein absoluter Favorit war „Bella ciao“, nicht nur der verwegene Text hatte es ihm angetan, sondern auch die schmissige Melodie.

Heute bleibt mir also nur, dir „Bella ciao“ zu sagen, lieber Willi, aber ich hoffe fest und freue mich schon jetzt auf ein Wiedersehen!“

Das gibt es sonst noch Neues in der Villa Merländer:

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