Fahnenflucht und Endphasenverbrechen
Artikel von Bernd Mildebrath
In meinen Herbstferien 2025 besuchte ich eher zufällig eine Ausstellung über Deserteure in Südtirol. Dort erwarb ich auch das Buch „Deserteure“ von Rolf Cantzen und las es mit großem Interesse. So wurde ich auf ein Thema aufmerksam, von dem ich wohl erstmals durch die „Filbinger-Affäre“ Ende der 1970er Jahre erfuhr.
Ungefähr zeitgleich las ich damals Alfred Anderschs autobiografische Erzählung „Kirschen der Freiheit“ aus dem Jahre 1952. Darin zentral geht es um seine Desertion aus der Wehrmacht im Jahr 1944 – ein Akt, den er als „Befreiung“ beschreibt und der für ihn den Übergang von Unmündigkeit zu Selbstbestimmung markiert.[1]
Nur wenige Jahre später, 1984, erschien die Novelle „Ein Kriegsende“ von Siegfried Lenz. Darin schildert er die Meuterei der Besatzung eines deutschen Minensuchers kurz vor Kriegsende und stellt das Spannungsfeld zwischen Gehorsamspflicht und menschlicher Verantwortung dar. In seiner Novelle zeigt Lenz die moralische Ambivalenz und die Tragik der unter Ausnahmenbedingungen getroffenen Entscheidungen.[2]
Ausnahmenbedingungen und Entscheidungsnotstände analysiert auch Sven Keller in seiner umfangreichen Studie der „Volksgemeinschaft am Ende“ aus dem Jahre 2013.[3] Seine wichtigste These lautet: Die Volksgemeinschaft zerfiel nicht – sie radikalisierte sich. Damit versteht er die Endphase des Nationalsozialismus nicht als chaotischen Ausnahmezustand, sondern als Verdichtung der NS‑Herrschaft. Deren typische Opfer waren neben „Wehrkraftzersetzern“[4], Zwangsarbeitern, Juden und politischen Gegnern eben auch Fahnenflüchtige.
Sie alle wurden verfolgt, weil sie als Bedrohung der Gemeinschaft galten. Dabei war es vor allem die Wehrmacht, die sich an Erschießungen von Deserteuren beteiligte und Standgerichte durchführte. Das gleich galt für die SS. Sie war radikal, jedoch nicht überall präsent, so dass in vielen Regionen lokale Akteure ihre Rolle übernahmen. So waren Deserteure beispielsweise der Denunziationen durch Nachbarn ausgesetzt, in deren Folge öffentliche Erschießungen oder Lynchmorde verübt wurden.
Mit Fahnenfluchten und Deserteuren der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, ihren Lebenswegen und Entscheidungen im Speziellen befasst sich Magnus Koch in seinem 2008 erschienenen gleichnamigen Buch.
Darin beschreibt und analysiert er die Funktionsweise der NS‑Militärjustiz, die zwischen 1939 und 1945 über 15.000 Todesurteile[5] gegen Deserteure verhängte. Der Kern des Buches besteht aus sechs ausführlichen Fallstudien, die exemplarisch verschiedene Typen von Desertion beleuchten.
Koch zeigt dabei die unterschiedlichen Motive für eine Fahnenflucht:
- Angst vor Fronteinsätzen
- Ablehnung des Krieges
- persönliche Konflikte
- psychische Überlastung
- familiäre Bindungen
- politische Distanz zum Regime
Deserteure waren also nicht automatisch regimekritische Helden. Nach Koch
handelten sie aus persönlichen, existenziellen oder situativen Gründen. Damit widerspricht er sowohl der NS‑Propaganda als auch späteren idealisierenden Darstellungen.
Im Krefelder Stadtarchiv wurden (bislang noch) keine direkten Hinweise auf hiesige Wehrmachtsdeserteure gefunden. Dagegen konnte der Walbecker Heimatforscher Walter Dyckx[6] dank des Zeitzeugenberichtes einer niederländischen Familie das Schicksal von vier jungen Soldaten aufklären, für die es seit 1993 bereits eine Gedenkstelle an der Landstraße zwischen Walbeck und Veert gibt, wo sie am 6. Januar 1945 standrechtlich erschossen worden waren. Darüber berichtet Dyckx in seinem Buch „Walbeck unter dem Hakenkreuz“, in dem er sich der Aufarbeitung der NS-Zeit in Walbeck widmete.[7]
Eine andere Form des Gedenkens sind Stolpersteine. Inzwischen gibt es auch Stolpersteine für Deserteure. Die finden sich u.a. in Trier und auch in Stuttgart. In Köln wiederum steht ein Deserteurdenkmal. Damit gewürdigt werden Deserteure und Kriegsgegner als Opfer der NS-Militärjustiz. In Wuppertal erinnert ein Denkmal für die Deserteure der Wehrmacht im Ortsteil Ronsdorf an dort zwischen 1940 und 1945 erschossene, fahnenflüchtige Soldaten.
Abschließen will dieser Text mit dem Hinweis auf den aktuellen Bezug der Frage, wie und mit welcher Motivation sich Menschen dem Militärdienst entziehen – sei es aus Gewissensgründen, aus politischer Ablehnung oder aus schierer Angst vor dem Tod. Berührt wird immer ein Kernbereich menschlicher Freiheit.
Doch die moralische und rechtliche Bewertung solcher Entscheidungen hängt radikal vom historischen und politischen Kontext ab. Ein Vergleich zwischen der heutigen Wehrdienstverweigerung, der Fahnenflucht im Nationalsozialismus und beispielsweise der Desertion ukrainischer Männer im Krieg gegen Russland zeigt, wie unterschiedlich Gesellschaften mit individuellen Gewissensentscheidungen umgehen und wie stark sich die Bedeutung von Freiheit und Zwang im Laufe der Zeit verändert (hat).
Quellen und Hinweise:
[1] Die Forschung hat das Werk im Laufe der Jahrzehnte unterschiedlich bewertet. Während frühe Rezeptionen den Text als mutiges Bekenntnis zur individuellen Verantwortung würdigten, betonte die spätere Kritik – etwa durch W. G. Sebald – die problematische Selbstinszenierung des Autors.
[2] Lenz’ Position zur Fahnenflucht und zur Meuterei zielt nicht auf einfache Verurteilung oder Rechtfertigung. Vielmehr konstruiert der in seinem Werk die Situation als Pflichtenkollision so, dass beide Entscheidungen moralisch belastet sind: Wer den Befehl ausführt, riskiert sinnlosen Tod anderer; wer den Befehl bricht, verletzt militärische Ordnung und riskiert juristische und moralische Folgen.
[3] Volksgemeinschaft am Ende. Gesellschaft und Gewalt 1944/45, von Sven Keller, Oldenbourg Verlag München 2013. – Online verfügbar unter https://open.ifz-muenchen.de/entities/reihenband/fcc95ac9-46b8-4d13-939a-5c6b1df04acf
[4] Ein von den Nationalsozialisten erfundener Strafbestand
[5] Andere Quellen sprechen von über 20.000 Todesurteilen und über 100.000 deutschen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg desertierten. Siehe z.B. https://resistenza.de/deutsche-deserteure-in-der-resistenza/
[6] Siehe Nachricht zu seinem Tode im Oktober 2025 in https://rp-online.de/nrw/staedte/geldern/nachruf-auf-walbecker-heimatforscher-walter-dyckx_aid-136479449
[7] Dies als Quelle nutzte die RP auch für einen Artikel zum 80. Jahrestag dieses Verbrechens. Siehe https://www.hvv-walbeck.de/fileadmin/user_upload/rheinische-post-geldern-2025-01-06_16_.pdf
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