Der Lila Winkel auf der KZ-Häftlingsjacke stigmatisierte die Lagergruppe der Zeugen Jehovas. Bild: Verein Lila Winkel Österreich

„Schichten der Erinnerung" - Bronzene Baum-Skulptur würdigt Tausende NS-Opfer der Zeugen Jehovas

Von Christiane Willsch

„Die Geschichte der Lila Winkel muss erzählt werden“, das wünschte sich Max Liebster, ein jüdischer Überlebender der Shoa. Er hatte fünf KZ durchlitten und letztlich auch durch seine späteren Glaubensbrüder, die als Zeugen Jehovas einen lila Winkel an ihrer Häftlingskleidung trugen, überlebt. Völlig abgemagert bewahrten sie ihn etwa durch das Abzweigen von Speiseresten, die für SS-Kaninchenställe gedacht waren, vor dem sicheren Hungertod.

Die Zeugen Jehovas wurden auch in Krefeld Ziel des NS-Terrors – mittlerweile weisen fünf Stolpersteine im Stadtgebiet auf das Leid der damals kleinen Gemeinschaft hin. Die Glaubensangehörigen verweigerten kompromisslos die Unterstützung des Krieges, lehnten den Hitlergruß ab und organisierten im Untergrund ihre Glaubensaktivitäten. Allein die Lebensmaxime „Alles, was Menschenantlitz trägt, ist gleich“, wie es in einer Gestapo-Denkschrift mit anklagender Ambition festgehalten wurde, provozierte in Zeiten der pseudo-wissenschaftlichen „Rassenkunde“ und Abwertung vor allem jüdischer Menschen schon früh strikte Verfolgung.

Kindesentzüge auch in Krefeld

Max Liebster heiratete später die ebenfalls den NS-Terror überlebende Simone Arnold. Die beiden gründeten die „Arnold-Liebster-Stiftung“ – jene Institution, die Initiatorin für das jetzt in Berlin errichtete Mahnmal ist. Die Geschichte von Simone Arnold-Liebster, mittlerweile 96-jährig, hat viele Hundert Mal im damaligen Deutschen Reich und ähnlich auch in Krefeld stattgefunden: Die Jugendliche wurde als Zwölfjährige in ein Erziehungsheim eingewiesen und der Mutter, einer Zeugin Jehovas, entzogen – der Vater war zu der Zeit bereits im KZ –, um sie im Sinne der Nazi-Ideologie umzuerziehen. Schikanen, sogar Prügelstrafen bis zur Bewusstlosigkeit – von dem Schulrektor zugefügt -, erlitt sie schon vorher. Grund: Sie lehnte den Hitlergruß ab und sortierte Metallgegenstände nicht, die später für die Waffenproduktion verwendet werden sollten. Die Tortur ging für das junge Mädchen weiter, denn die Heimunterbringung ging ebenfalls mit Misshandlungen, abstrusen Regeln wie etwa dem Redeverbot unter den eingesperrten Mädchen und drakonischen Misshandlungen einher. Simone und Max hielten ihre Lebenserinnerungen in Buchform fest und gründeten die Stiftung zu dem Zweck, „Frieden Toleranz und Wahrung der Menschenrechte, insbesondere religiöser Freiheit zu fördern“. Denn vermeintlich kleine Gesten der Intoleranz könnten auch heute zur Ablehnung, Verfolgung und letztlich Ermordung von Menschen führen.

Die NS-Verfolgten Simone Arnold-Liebster und ihr Mann Max Liebster gründeten eine Stiftung, die das neue Mahnmal initiierte. Bild: Arnold-Liebster-Stiftung

Berliner Künstler verbindet Kunst und Technologie

Matthias Leeck schuf mit Blick auf solche Biografien und als Gedenken an die vielen ermordeten Glaubensangehörigen einen bronzenen Baumstamm, der im Berliner Tiergarten in die Höhe ragt. Die Konstruktion und Fertigung des Mahnmals ist innovativ: Fotos von Verfolgten, Verfolgungsorten und anderen Medien mit Bezug zum Verfolgungsthema wandelte der 38-jährige Künstler virtuell in 3-D-Modelle um, die dann „Schichten der Erinnerung“ bilden. Je näher der Betrachter dem Kunstwerk kommt, desto mehr Details werden sichtbar. „Das Fertigungsverfahren war extrem komplex“; den Aufbau des Monuments, das sich aus 15 einzeln gefrästen Ronden zusammensetzt, begleitete er mit großer Spannung. Der abstrahiert und zerklüftet dargestellte Baum soll zugleich Symbol der Standhaftigkeit sein, eben nicht dem Druck der Masse nachgegeben zu haben, gleichzeitig die Verletzungen darstellen.

Das neue Mahnmal für die verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas in Europa wird jetzt in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert-. Bild: Christiane Willsch

Digitales „Mahnmal“ ergänzt das Berliner Bronze-Monument

Zeitgleich entstand – und wächst weiterhin – ein beachtenswertes digitales Mahnmal: Der Historiker Falk Bersch konzipierte zusammen mit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ)“ eine digitale Seite. Die Opfer der Zeugen Jehovas werden fortlaufend erfasst; geografisch relevante Orte, Biografien, Videos, Zeitzeugeninterviews, Dokumente und vieles mehr sind durch Suchfragen oder den Klick auf Landkarten zu recherchieren – „an den Projekten hierfür arbeiteten viele Jugendliche mit“, erklärte Dr. Dorothea Parak von der Stiftung EVZ. Auch Krefeld ist bereits mit mehreren Einträgen und Medien vertreten.

So wird Max Liebsters Wunsch posthum wahr, wofür er sich mit seiner Frau zusammen so engagiert hat: Mit politischer und wissenschaftlicher Prominenz wird das Monument der Öffentlichkeit übergeben. Kurz zuvor ging das digital wachsende Portal am 18. Juni online – die Geschichte der „lila Winkel“ wird erzählt, auf Bundesebene in Berlin und in Städten wie Krefeld. Hier rangiert die Motivation, ehemals vernachlässigte Opfergruppen sichtbar zu machen, ganz oben. Sandra Franz hat das Projekt „Objekt des Monats“ ins Leben gerufen, das jeweils kleinere Verfolgtengruppen in den Fokus rückt. So wird es im November um die Zeugen Jehovas gehen.

Weiterführende Infos:

Das digitale Projekt für Recherchen:
www.biographien-verfolgter-zeugen-jehovas.de 

Arnold-Liebster-Stiftung:
www.alst.org

Das gibt es sonst noch Neues in der Villa Merländer: