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"Brücken über die Schlucht des Vergessens"

Ein Beitrag der Historikerin Dr. Claudia Flümann anlässlich des 80. Jahrestages der ersten Deportationen in das Ghetto von Riga.

„Brücken über die Schlucht des Vergessens“ zu spannen, war das Ziel einer Gedenkveranstaltung der Deutschen Botschaft in Riga am 29. November 2021. An diesem Tag jährte sich zum 80. Mal die erste Deportation von Juden aus dem Deutschen Reich in das von der Wehrmacht besetzte Lettland. Ankunftsort war der Bahnhof Riga – Skirotava. Zum Gedenken an die Deportierten sprachen vor Ort der deutsche Botschafter Christian Heldt, die österreichische Botschafterin Doris Danler, die tschechische Botschafterin Jana Hynková, zusammen mit dem Direktor des Museums “Juden in Lettland” Iļja Ļenskis sowie dem Bürgermeister der Stadt Riga Mārtiņš Staķis. Zugeschaltet aus zahlreichen Städten und Gemeinden in Deutschland, Österreich und Tschechien erinnerten deren Bürgermeister, Historiker und andere Vertreter der lokalen Erinnerungskultur an ihre deportierten Mitbürger. Im dichten Schneetreiben leuchtete die bunte Projektion der Videoteilnehmer aus ganz Europa auf der Backsteinmauer des alten Bahnhofsgebäudes.

Hier wurden in den frühen Morgenstunden des 14. Dezember 1941 – einem Sonntag – auch jene 1007 Menschen aus dem Rheinland aus den Waggons getrieben, die Ende November den Deportationsbefehl nach Riga erhalten hatten. Die Außentemperatur betrug – 12 Grad. Zu Fuß mussten sie sich mit dem wenigen Gepäck, dessen sie nicht zwei Tage zuvor bereits am Sammelpunkt, dem Düsseldorfer Schlachthof, beraubt worden waren, in das abgeriegelte jüdische Ghetto der Stadt begeben und sich auf eigene Faust eine Unterkunft in den leergeräumten Häusern und Wohnungen suchen. Die jüdischen Bewohner waren wenige Tage zuvor herausgetrieben und am Stadtrand von Riga ermordet worden. Für die insgesamt etwa 25.000 aus Deutschland und Österreich Deportierten begann eine schreckliche Leidenszeit. Zwangsarbeit, Hunger, Krankheiten, schließlich Verschleppung in andere Ghettos und Konzentrationslager – all dies überlebten nur etwas mehr als 1100 Menschen.

Auch von den rund 140 jüdischen Krefelderinnen und Krefeldern, welche heute vor 80 Jahren nach Riga deportiert wurden, haben nur Wenige den Weg zurück in die Heimat gefunden. Die geborene Wilhelmine Leven gehörte nicht dazu. In durch Zufall erhaltenen Briefen an ihren zwei Jahre älteren Bruder Alfred, der es noch vor Kriegsbeginn nach Brasilien geschafft hatte, schildert sie ihre letzten Tage in Krefeld, die von zunehmender Bedrängnis geprägt waren. Bis zu deren Tod Ende 1940 hatte sie sich um ihre verwitwete Mutter Gertrud Leven gekümmert – und darüber ihre eigene Flucht versäumt. Das Elternhaus auf der Rheinstraße musste Wilhelmine Leven im selben Jahr verkaufen, konnte aber zunächst als Mieterin in der elterlichen Wohnung bleiben.

Mit ihrem Bruder Alfred in Brasilien führte sie einen Briefwechsel, in dem sie lebhaften Anteil an dem Leben seiner Familie in der neuen Heimat nahm, aber auch von jenem der in Krefeld Zurückgebliebenen berichtete. Insbesondere wenn es um gewöhnliche Alltagsdinge ging, flocht „Mimi“ Leven (wie sie sich selbst nannte) in ihre Briefe gelegentlich einzelne Sätze oder Worte in rheinischer Mundart ein. So bezeichnete sie etwa das nach Abklingen der sommerlichen Hitzewelle im August 1941 einsetzende Regenwetter als ungemütlich usselich. Dieses hinderte sie nicht daran, regelmäßig den Friedhof aufzusuchen, denn die Pflege des elterlichen Grabes war, abgesehen von der sehnlichst erwarteten Post aus Brasilien, ihre einzige Freude. Dass es Alfred Leven offenbar nicht gelang, in Brasilien eine Einreisegenehmigung für seine Schwester zu erwirken, nahm Wilhelmine schicksalsergeben hin – was nicht ist, ist nicht; eigene Versuche, die im Sommer 1941 auch kaum noch aussichtsreich gewesen wären, hat sie offenbar keine unternommen, sondern sich mit ihrer Situation mehr oder weniger abgefunden:  was kommt das kommt, wir können das Schicksal ja doch nicht aufhalten.

Dieses Schicksal schwebte zunächst vor allem in Form der drohenden Verweisung aus der eigenen Wohnung als gefürchtetes Damoklesschwert über der bescheidenen Existenz von Wilhelmine Leven. Im Juli 1941 bat sie ihren Bruder:

Halte mir das Däumchen, dass ich wenigstens meine Wohnung behalten darf, so wie ich sie jetzt habe, dann bin ich schon sehr zufrieden.

Die Nachrichten über Krefelder Verwandte und Bekannte, die sie nach Brasilien schrieb, berichteten immer häufiger über deren zwangsweise Zusammenlegung mit anderen Menschen in fremden Häusern. Von ihrer Verwandten Hedwig Leven berichtet sie:

Auch hat sie ganz plötzlich ihre Wohnung aufgeben müssen und wohnt jetzt in 2 ganz kleinen Zimmerchen mit Else zusammen. Ich hätte sie gerne zu mir genommen, aber ich weiss ja nicht, wie lange ich noch hier wohne. Hoffen wir noch recht lange.

Nur zwei Wochen später, im September 1941, wurde „Mimi“ Leven jedoch tatsächlich aus ihrem Elternhaus auf der Rheinstraße ausgewiesen und berichtete aufgewühlt an ihren Bruder in Brasilien:

Krefeld, den 14. Oktober 1941

Neusser Straße 38

Meine Lieben!

Nun ist es soweit, dass ich unsere Wohnung, wo Pa und Ma geschaltet und gewaltet und wir unsere Kindheit und Jugend verbracht haben, verlassen musste.

Am 27. Sept. bekam ich einen Bescheid, dass ich zum 1. Oktober zur Neusserstr. 38 ziehen müsse. […] Wie mir zumute war und ist, könnt Ihr Euch wohl denken, obgleich ich schon länger damit gerechnet hatte, so kam es immer noch zu früh aber was will man machen. Jettchen und ich wir haben jeder ein Zimmer auf der zweiten Etage und wohnen ganz gemütlich. Wenn wir Gewissheit hätten, dass es so bliebe, würden wir schon zufrieden sein. Wir leben nur mit Glaubensgenossen zusammen, im ganzen 32 Menschen. Es ist das Haus Neusser-Ecke Gladbacherstr. (früher Goldberg und Levi), vielleicht kennst du, lb. Alfred, es noch. […] Immer wieder muss ich die Feststellung machen, dass es nur gut ist, dass Ma und Pa ihren Frieden haben und alles nicht mehr erleben. Nun genug davon.

Knapp einen Monat später trat das ein, was Wilhelmine Leven und viele andere jüdische Krefelder am meisten fürchteten. Am Martinstag 1941 schreibt sie nach Brasilien:

In meiner neuen Behausung habe ich mich, wenn auch schwer, so einigermassen eingelebt und wollte schon nicht darüber klagen, wenn ich die Gewissheit hätte, bleiben zu können. Aber das ist wohl nicht der Fall, da ich damit rechnen kann, Anfang nächsten Monats fortzukommen. Wohin ist noch unbekannt, nehme jedoch an zum Osten, da dorthin schon sehr viele verreisten. Na, auch damit werde ich wohl fertig und wenn nicht, mache ich kurze 15. Das ist ja das einfachste und beste in einer solchen Angelegenheit, besonders wenn man allein steht, dann bin ich wieder mit Ma und Pa vereint und wohl am besten aufgehoben. Einstweilen werde (ich) aber abwarten, was mich drüben erwartet. Noch denke ich, was andere können, kann ich auch.

Der letzte Brief aus Krefeld traf kurz nach Weihnachten in Sao Paolo ein. Zu diesem Zeitpunkt war Wilhelmine Leven schon zwei Wochen im Rigaer Ghetto gefangen. Verfasst hat sie ihn am Mittwoch, den 19. November:

 

Krefeld, den 19.11.1941 Neusser Str. 38

Meine Lieben! Nun bin ich immer noch ohne Post von Euch und hoffe doch sehr, dass dies nur an der Beförderung liegt und bei Euch alles in bester Ordnung ist. (…) Auch die angesagte Kaffeesendung ist noch nicht gelandet, sehr schade, da ich son [sic] Seelentröster jetzt ganz besonders gut gebrauchen könnte. Denn, wenn ihr dieses Schreiben erhalten werdet, dann bin ich wohl nicht mehr hier. Voraussichtlich kommen wir Anfang Dezember (am 11.) fort. Wohin ist noch unbekannt. Sobald ich näheres weiss gebe ich euch Bescheid. […] ob ich von hier aus nochmal schreibe, weiss ich nicht, da ich noch sehr viel zu erledigen habe und es ist möglich, dass meine Zeit nicht mehr reicht.

Lebt wohl und nehmt noch die innigsten Grüße und Küsse Eure Mi.

Am 3. Dezember 1941 überwies die Kreissparkasse Kempen-Krefeld 2000,- Reichsmark und am 10. Dezember 1941 7.500,- Reichsmark aus dem Restvermögen von  Wilhelmine Leven an die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ – den Auftrag hierzu hatte sie unter Zwang unterschreiben müssen. Diese von den Nazis kontrollierte Organisation diente dazu, die Finanzierung der Deportationen durch die Opfer selbst sicherzustellen. Diese begann am Krefelder Hauptbahnhof. Polizeibeamte begleiteten die mehr oder weniger zufällig zusammengestellte Gruppe jüdischer Krefelder in reservierten Waggons eines normalen Nahverkehrszuges nach Düsseldorf. Vom dortigen Hauptbahnhof mussten sie mit ihrem Gepäck zum Schlachthof im Ortsteil Derendorf laufen. Nach einer äußerst ungemütlichen Nacht in der – vorübergehend geräumten – Viehhalle begann in den frühen Morgenstunden des 11. Dezember die Verladung in einen Sonderzug. Dieser erreichte nach 2tägiger Fahrt in den späten Abendstunden des 13. Dezember das Ziel: Riga.

„Mimi“ Leven leistete hier einige Jahre unter erbärmlichen Bedingen Zwangsarbeit, zuletzt in dem neu errichteten Konzentrationslager Kaiserwald. Nach dessen Räumung 1944 wurde sie in das Lager Stutthof bei Danzig verlegt, wo sie an Auszehrung und Unterernährung verstarb. Sie wurde 47 Jahre alt.

Im Februar 1946 gab Alfred Leven, der Empfänger der Briefe, in der New Yorker Emigranten-Zeitung „Der Aufbau“ eine Suchanzeige nach seiner Schwester auf – vergeblich.

Seit 2014 ist die Stadt Krefeld Mitglied im Riga-Komitee, einer Vereinigung von über 60 Städten und Gemeinden, aus denen jüdische Bürger nach Riga deportiert wurden. Das Städtebündnis macht es sich zur Aufgabe, die Erinnerung und das Gedenken an die verschleppten und ermordeten Bürgerinnen und Bürger lebendig zu halten. In Pandemie-Zeiten zur Not eben auch Online. (https://www.riga-komitee.de)

Zum Weiterlesen

  • https://www.facebook.com/DeutscheBotschaftRiga (Video der Gedenkveranstaltung)
  • Sherman, Hilde: Zwischen Tag und Dunkel. Mädchenjahre im Ghetto, Frankfurt a.M. 1993 (Zeitzeugenbericht)
  • Schupetta, Ingrid, Riga. Massenmord und Arbeitseinsatz, 2011 (auf der Homepage der Villa Merländer)
  • Schupetta, Ingrid, Deportationsziel Riga, in: Mellen, Werner (Hg.), Juden in Krefeld-Hüls. Gegen das Vergessen, Krefeld 2003
  • Buch der Erinnerung. Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden, bearbeitet von Wolfgang Scheffler und Diana Schuller, heraus­gegeben vom Volksbund Deutsche Kriegs­gräberfürsorge e.V. in Verbindung mit der Stiftung „Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ und der Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“, München 2003.
  • Benz, Wolfgang/Distel, Barbara (Hg.), Der Ort des Terrors Geschichte der national­sozialistischen Konzentrationslager, Bd. 8: Riga, Warschau, Vaivara, Kaunas, Plaszów, Kulm hof/Chelmo, Belzec, Sobibor, Treblinka, München 2008.

Das gibt es sonst noch Neues in der Villa Merländer: